04 Der Rasenfl├╝sterer von Wimbledon
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04 Der Rasenfl├╝sterer von Wimbledon

Wenn ein Mensch auf dieser Welt Gras wirklich wachsen h├Âren kann, dann Eddie Seaward. Er hegt, b├╝rstet und besch├╝tzt den Rasen von Wimbledon, jenes englische Nationalheiligtum, auf dem allj├Ąhrlich die Blicke von Millionen Zuschauern liegen.

Juni 4, 2011
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Wenn ein Mensch auf dieser Welt Gras wirklich wachsen h├Âren kann, dann Eddie Seaward. Er hegt, b├╝rstet und besch├╝tzt den Rasen von Wimbledon, jenes englische Nationalheiligtum, auf dem in zwei Wochen wieder die Blicke von Millionen Zuschauern liegen. H├Âchste Zeit f├╝r einen Besuch beim Rasenfl├╝sterer, dem vielleicht wichtigsten Mann von Wimbledon.

„Erst kommt das Tennis, dann der Rasen“, sagt Eddie. Oder vielmehr: sagt Eddies Vernunft. Und die Sportwelt. Und die Vorschriften. Eddies Herz jedoch wei├č: Wimbledon ist ber├╝hmter f├╝r sein Gras als die Weltklasse-Spieler. Die wollen meist nicht mehr als einen harten, festen Untergrund zum Sieg, w├Ąhrend er als „Head Groundsman“ nach zwanzig Dienstjahren auf der gr├╝nen B├╝hne wie von einem alten Freund spricht.

„Er hat echte Nehmerqualit├Ąten“, sagt Eddie ├╝ber sein deutsches Weidelgras. Auf allen 41 Pl├Ątzen des „All England Lawn Tennis Club“ sprie├čt seine Lieblingssorte aus dem Lehmboden. Nat├╝rlich nicht kreuz und quer wie bei Hobby-G├Ąrtnern, sondern nach den strengen Regeln des Tennis-Mekkas: 8 Millimeter lang sind die Halme, die Farbe nicht zu hell und nicht zu dunkel, kein Moos, kein Unkraut, daf├╝r aber perfekte Rasenm├Ąherstreifen.

Das Ganze sieht mehr nach Skulptur denn Natur aus und bedeutet f├╝r Eddies 20-k├Âpfiges Team einen ewigen Kampf gegen die Elemente. Morgens wecken sie das Gr├╝n, indem sie ihm die w├Ąrmende Decke wegziehen. K├Ąlte oder Feuchtigkeit tun ihm n├Ąmlich gar nicht gut. Dr├╝ckt Fr├╝htau die Halme zu Boden, droht Pilzgefahr und Eddie r├╝ckt mit gro├čen Eisenb├╝rsten an, um sie aufzurichten. Dann d├╝rfen Sonne und Wind sie f├Ânen, aber blo├č nicht zu lang.

Bemannte Rasenm├Ąher d├╝sen w├Ąhrend des Wimbledon-Turniers t├Ąglich ├╝ber die Pl├Ątze und kappen die Rasenspitzen um einen halben Millimeter. Pralle Sonne muss das Gr├╝n dann genauso aushalten wie harte B├Ąlle, Fu├čtritte oder Frust-Attacken mit Tennisschl├Ągern nach einer Niederlage. Zwar h├Ąlt das neue Glasdach ├╝ber dem Centre Court die gef├╝rchteten Regeng├╝sse ab sofort drau├čen, bedeutet f├╝r den obersten Rasenwart aber neue Unw├Ągbarkeiten: ÔÇ×Die Atemluft der Zuschauer bei geschlossenem Dach, vielleicht auch ihre durchn├Ąsste Kleidung, all das k├Ânnte das Gras feucht und rutschig machen“, sagt Eddie mit Grabesmiene. Er ist mittlerweile 65 Jahre alt, hat seinen Erfahrungsschatz so kurz vor der Rente bereits an Vize-Grasfl├╝sterer weitergegeben, aber spricht noch immer von einem Mysterium: ÔÇ×Der Rasen lehrt uns jedes Jahr neue Lektionen.ÔÇť“

Ged├╝ngt wird so kurz vor Turnierbeginn nicht mehr. „Das Gras w├╝rde zu gr├╝n, und zu gr├╝n hei├čt: zu rutschig“, sagt Eddie. Es ist die Zeit f├╝r Kosmetik: Ein bisschen Eisen hier und da macht die sprie├čenden Fl├Ąchen dunkler. Elektroz├Ąune werden gespannt – gegen F├╝chsinnen, die gerne mal in Eddies Revier Wasser lassen und so buchst├Ąblich verbrannte Erde schaffen. Zu den letzten Vorbereitungen geh├Ârt auch das Anr├╝hren von Rasen-Schminke, Eimerchen voller Lehm, mit dem Helfer w├Ąhrend der Spiele L├Âcher reparieren k├Ânnen. Paste rein, Rasenschnitt obendrauf, fertig. „Die Spieler w├╝rden bei einem Wutanfall jedoch eher ihren Schl├Ąger als den Rasen besch├Ądigen“, warnt Eddie gelassen.

Er muss das wissen, denn vor Turnierbeginn ├╝berpr├╝ft er die Gr├╝nfl├Ąchen mit einem Impulshammer auf ihr R├╝ckprall-Potenzial. Schon, um Kritik von Spielern vorzubeugen. Die Pl├Ątze seien nicht mehr so schnell wie fr├╝her, hie├č es mal. Dabei, betont Seaward, habe er es lediglich geschafft, mehr Luftbewegung zwischen die Halme zu geben. „Die B├Ąlle springen also h├Ąrter und h├Âher“, betont er. Und der sch├Âne ÔÇ×BounceÔÇť – die Sprungkraft – ist immerhin Hauptlebensziel seines Rasens.

Wenn das Tennis schlie├člich vorbei ist, geht’s weiter, auf dem Platz und am Telefon, denn regelm├Ą├čig sind Hunderte Zuschauer so beeindruckt, dass sie den Groundsman um Hilfe f├╝r ihr darbendes Fleckchen Gartengr├╝n anrufen. Dann versucht er ihnen geduldig zu erkl├Ąren, dass ein Rasenfl├╝sterer keine Telefondiagnosen geben kann: der Boden, das Klima, alles muss bedacht werden.

Eine gr├╝ne Regel gilt jedoch immer, egal, ob das Gras in Botswana oder Wanne-Eickel w├Ąchst: M├Ąhen, m├Ąhen, m├Ąhen. Aber richtig! „Die meisten Leute m├Ąhen zu selten“, seufzt Eddie. „Im Herbst knallen sie den Rasenm├Ąher in den Schuppen und sagen: Gott sei Dank, bis zum n├Ąchstes Jahr.“ Im Fr├╝hjahr k├╝rzten sie ihre Wiese dann gleich um eine Handbreit. Eddie verzieht da schmerzvoll sein Gesicht: „Wenn Sie die H├Ąlfte der Halme amputieren, sterben sie nat├╝rlich.“ 1-2 Millimeter pro M├Ąhgang sei das Maximum, h├Ąufiges M├Ąhen daher Pflicht, „auch im Winter“. Wenn Eddie sich demn├Ąchst zum Turnier wieder Tag und Nacht seinen Bio-Kunstwerken widmet, ├╝bernimmt Zuhause ├╝brigens Mrs. Seaward seinen strikten M├Ąhturnus. Rasenm├Ąher-Streifen inklusive.

(2009)

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Jasmin Fischer

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