08 Das Leben als Symbol
,

08 Das Leben als Symbol

Von wegen altmodisch: Wappen haben Hochkonjunktur. Sie vermitteln „Ansehen und Familienstolz – ganz ohne Snobismus“. Sagt ein königlicher Herold

Juni 8, 2011
4 min read

Oxborough. Paul McCartney und Elton John haben eines, Camilla darf sich ihres mit Prinz Charles teilen: Wappen haben Hochkonjunktur, auch bei Normalsterblichen. Gerade in der Krise stehen die schmucken Embleme für bleibende Werte. Verliehen werden sie in England allerdings nur nach rigoroser Prüfung – und zwar von königlichen Herolden wie Henry Bedingfeld.

GroĂźe Traditionen brauchen viel Ambiente, Liebe zur Geschichte und eine Prise englische Exzentrik: In Oxburgh Hall, einem Schloss umgeben von den Landschaften Norfolks, kommen alle diese Dinge zusammen. Hier sitzt Henry Bedingfeld gerade auf seiner Couch und rollt einen Stammbaum aus dem Jahre 1573 aus – gemalt auf weiches Kalbsleder, die Tinkturen der Wappen trotz der vielen Jahre leuchtend klar. Altmodisch? „Nein“, meint Bedingfeld, „wir entwerfen jedes Jahr so viele neue Wappen fĂĽr Universitäten, Kommunen und Privatpersonen, dass Heroldskunst mir so zeitgenössisch wie eh und je scheint.“

Henry Bedingfeld, Herold von York, ist einer von sechs Wappen-Meistern, die zum königlichen Haushalt gehören. Wenn die Queen im November feierlich das Parlament von Westminster eröffnet, werden sie in ihren bestickten Wappenröcken Teil der Prozession sein. Es dĂĽrfte das letzte Ăśberbleibsel ihrer alten Funktion als diplomatische Boten sein. Geblieben hingegen ist ihre Aufgabe als Stammbaum-Detektive, als KĂĽnstler und Kenner der Symbolwelt. Schon als 1484 Bedingfelds Position zum ersten Mal in historischen Schriften auftaucht, waren die Herolde wie Literaten, die  Hunderte kunstvolle Embleme auf Schutzschildern, Lanzen und Pferdedecken unterscheiden konnten.

Wie moderne Fußballmannschaften suchten sich die Ritter von einst für Turniere prägnante Farben aus, die sie in ihren Rüstungen unterscheidbar machte. Und weil sie häufig weder lesen noch schreiben konnten, dienten ihnen Bilder von Drachenköpfen und fliegenden Fischen auch als Steuernummer oder um Urkunden zu identifizieren.

Wem heute in England ein Wappen gewährt wird, der darf es weitervererben, „übrigens steuerfrei“, wie der Herold betont. Nur verdienen muss er es sich im wahrsten Sinne des Wortes, und damit ist nicht etwa der Preis von 4000 Euro aufwärts gemeint, der das antiquierte Heroldssalär von jährlich 17,80 Pfund aufpolstert. „Wir mögen es gar nicht, wenn Leute davon sprechen, sich ein Wappen zu kaufen“, sagt Bedingfeld, „es wird gewährt und nicht jeder ist automatisch führungsberechtigt.“

Ein Hochschulabschluss ist Pflicht, eine Gefängnisstrafe Ausschlusskriterium. Dann beginnt die Feinabwägung am Londoner „College of Arms“, der Wappenzentrale von England und Wales, inwieweit sich der Bewerber in der Gesellschaft verdient gemacht hat. Ein Geschäftsmann, der aus dem Nichts ein Imperium geschaffen hat und sich für wohltätige Zwecke engagiert, könnte ein Wappen erteilt bekommen – zumal, ergänzt der Herold, „er sich wohl schon allein durch seine hohen Steuerzahlungen als würdiger Bürger erwiesen hat.“

Glück hat der, der in seiner Familienhistorie Wappenträger aufweisen kann – wie Bedingfeld selbst. Aus dem 13. Jahrhundert stammt der rote Familienadler, der auch über Oxburgh Hall auf weißer Flagge in die Luft steigt. Die Familie sei die erste in Europa gewesen, die einen Adler im Wappen führte, sagt der Herold, der eines Tages die Ritterwürde seines Vaters erben wird.

Auch die von der Queen frisch ernannten Ritter haben es in Englands Wappen-Meritokratie leicht: Das Wort Ihrer Majestät gilt selbstredend als ausreichende Qualifikation. So hat sich auch Sir Paul McCartney ein Wappen erstellen lassen, das den Vogel seiner Heimatstadt Liverpool samt Gitarre in den Krallen zeigt und den Albumtitel „Ecce Cor Meum“ („Siehe, mein Herz“) enthält.

„Heroldskunst ist dann am schönsten, wenn das Design simpel ist“, erklärt Henry Bedingfeld, „Bewerber müssen eine Symbolik finden, die ihr ganzes Leben zusammenfasst – und mit der auch die Gattin und später die Kinder leben können.“ Wappen gleichen Straßenschildern: „Sie sollen eine klare, unmissverständliche Botschaft tragen – am liebsten versehen mit einem amüsanten Wortspiel.“

FrĂĽher galt es, Freund und Feind durch kontrastreiche Tinkturen zu trennen, heute ist die Wirkung ähnlich, wenn auch zivilisierter: Firmenlogos auf Wimpeln, Fassaden und Briefpapier sind nichts anderes als moderne Wappen und manches Unternehmen engagiert da statt schicker  Werbeagenturen gleich den Herold. Beständigkeit und Klasse vermittelt wohl kaum jemand so wie sie. Die Sehnsucht nach all diesen Dingen ist im Königreich ungebrochen. „Die Menschen wollen sich eingebettet wissen in Tradition und Geschichte“, sagt Bedingfeld. „Wappen schenken Selbstbewusstsein, ein warmes Leuchten und schöne GefĂĽhle von Ansehen, Zuhause und Familienstolz – auf stille Weise, ganz ohne Snobismus.“

(2009)

Categories:
,
Jasmin Fischer

Begin typing your search above and press return to search. Press Esc to cancel.

Oder Suche nach Schlagwörtern: