Walthamstow: Die Pferde des kleinen Mannes

London. Grellbunt leuchtet der Schriftzug „Walthamstow Stadium“ in die Dunkelheit und verheißt dem grimmigen Osten der Hauptstadt hier billiges Las Vegas-Flair und Wettgewinne auf die Schnelle. Fußball, Pferde, Motorräder, all das interessiert an dieser Rennbahn niemanden – die Zuschauer kommen für ein typisch britisches Vergnügen: das Greyhound-Rennen.

Der Fanfarenstoß kommt vom Tonband und klingt blechern und alt, doch das Surren, das in der nächsten Minute überall an dem Oval der Rennbahn anhebt, elektrisiert die Stimmung. Auf der Tribüne kreischen die Gäste, die Hunde in ihren Startboxen jaulen auf, nervös und fremd. Das Surren kommt näher, die Gitter springen hoch: Sechs Greyhounds hetzen dem Geräusch, einem Ersatzhasen aus Plastik, nach. Ihr Tempo ist wahnwitzig, und wer an der Bande steht, spürt den 60-Stundenkilometer-Galopp der Tiere in der Magengrube. Die Sandwirbel der Bahn flirren noch im Scheinwerferlicht, da verschwinden die Tiere schon hinter der ersten Kurve.

Halbvoll sind die Ränge heute, für einen Donnerstagabend in London ist das gar nicht schlecht. Doch Ann Aslett, deren Großvater „Walthamstow Stadion“ 1933 gebaut hat, weiß um bessere Zeiten im englischen Hunderennsport: „Früher sind tausende Zuschauer gekommen.“ Es wird nicht weniger leidenschaftlich gewettet als 1876, als die Metropole das erste Windhundrennen weltweit ausgetragen hat. Doch mit Internetwetten und Fernseh-Übertragungen bleiben viele der 5000 Plätze im Stadion leer. Nur 31 Hunderennbahnen gibt es heute noch im Königreich – so viele wie London zu Hochzeiten ganz allein beherbergte.

Das „Runtergehen zu den Hunden“, wie einst ein Abend an der Rennbahn bei den Malochern im East End hieß, ist heute eine dramatisch andere Erfahrung. Direkt an der Ziellinie sitzen die Besserverdienenden hinter einer Glasfront: Im Dunkeln leuchten die Tischlämpchen in dem Restaurant, man diniert auf weißen Tischdecken. Gegenüber liegt das Billig-Pendant: Ein ranzig riechender Schnellimbiss, in dem es die notorischen „Six-Packs“ für 16 Pfund gibt: Zwei Bier, zwei Wettscheine, ein Hühnchen und eine Eintrittskarte.

„Greyhounds sind kein Arbeiter-Sport“, betont auch Rachel Westwood. Sie arbeitet für die Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie und besitzt zwei Tiere, die heute Abend das Rennen machen sollen. „Die Hunde sind meine Leidenschaft“, sagt sie. „Sie sind keine Champions, aber sie laufen ganz gut – mir reicht das.“ In anderthalb Jahren gehen ihre beiden Greyhounds mit nur vier Jahren in Rente – auf Rachels Couch. „Ich freue mich schon darauf, sie sind wie meine Kinder“, lächelt sie.

Walthamstow Stadion ist zum Ausgehen der schnellste Ort der Stadt: Nur eine Viertelstunde vergeht zwischen den einzelnen Rennen, dann surrt die Hasenmaschine erneut ums Oval. Zwischendurch warten die Buchmacher im Glühbirnenschein auf Wetter. Douglas Tyler zum Beispiel hat 62 Jahre lang nichts anderes gemacht. Aus purer Nostalgie nimmt der 90-jährige Greyhound-Fan immer noch die 10-Pence-Wetten an, mit denen in Walthamstow alles begonnen hat.

Hinter den Kulissen der Rennbahn kümmern sich die Trainer um die erschöpften Tiere, waschen und kühlen ihre Pfoten, reiben sie trocken, verstauen sie zum Schlafen in einer Box im Stall. Hier prüft auch der Bahntierarzt vor jedem Start, ob die Greyhounds fit fürs Rennen sind.

Nur mit Sicherheitskräften darf der Stall betreten werden, dabei entzieht sich die Unversehrtheit der Tiere andernorts oft jeder Kontrolle. 35 000 Greyhounds laufen schätzungsweise jedes Jahr über britische Bahnen; ein Drittel von ihnen wird mit fünf Jahren ausgemustert, renn-untaugliche Welpen sowieso. Als Reporter zuletzt aufdeckten, dass entsorgte Tiere wie diese in Serie mit einem Bolzenschussgerät erledigt und verscharrt wurden, ging ein Aufschrei über die tierliebe Insel.

Unabhängige Kontrollen der Branche, die seit ihren Ursprüngen vorgibt, sich selber regulieren zu können, werden seitdem sogar im Parlament diskutiert – passiert ist nur wenig. Dass die getunten Hochleistungshunde ähnlich wie gedopte Zweibeiner bei Stichproben mit Kokain oder Betablockern im Blut erwischt werden, ist nur aufgeregten Tierschützern noch eine Nachricht wert. Sie kämpfen gegen eine ur-britische Institution, die mit 2,5 Milliarden Pfund Wetteinsätzen pro Jahr kein leichter Gegner ist.

In Walthamstow hingegen betonen alle Besitzer, wie sehr sie an den Greyhounds hängen. Einer von ihnen, Ricky Holloway, besitzt an der Bahn einen Stall mit 30 Tieren. Er zahlt dafür, dass Physiotherapeuten die Hundemuskeln massieren, lässt teure Medikamente aus den USA einfliegen, um seine Champions über den Lebensabend zu retten. „Ach, ich bin verrückt“, schüttelt er den Kopf über sich, „das ist eine Sucht, und ich bin infiziert.“ 20.000 Pfund kann ein richtiges Hürdenrenn-Talent Holloway kosten; eine Sucht, die schwer mit seiner Stelle im Londoner Bürgermeisterbüro zu vereinbaren ist, wenn die Tiere keine Preise erlaufen.
 
Mittlerweile steht auch Rachel Westwood an der Bahn. Ihr Hund „Clonbrin Mai“ startet als nächstes. Die Blechfanfare spielt, kurz später feuert sie das Tier an. Ihr Freund hat 20 Pfund auf einen Sieg gewettet. Tatsächlich liegt Clonbrin Mai vorne, doch über die 450 Meter Laufstrecke verliert er seinen Vorsprung. Rachel ist das egal. Sie lässt sich das Tier nach dem Rennen aus dem Stall bringen und herzt ihn überschwänglich. „Die Hunde sind fröhlich, klug, sanft und absolut menschenfreundlich“, begeistert sie sich. Doch Clonbrin Mai zeigt heute Abend keine Hunde-Gefühle, keine Freude. Durch seine Besitzerin, die für die Greyhounds von Walthamstow ein „Verrentungsprogramm“ organisiert, schaut er mit leerem Blick hindurch.

Vorne, an der Ziellinie, wird der Sieger der letzten Runde geehrt. Teilnahmslos lässt sich der Hund mit Jäckchen auf die Ehrentribüne heben. Der Fotograf schießt noch ein Erinnerungsbild für das übergewichtige Frauchen, dann hat der vierbeinige Sieger wirklich sein Ziel erreicht: Er darf schlafen gehen.

Am Ende des Abends winkt Ricky Holloway zum Abschied. Er steht im Schatten der Bahn und ist vor Glück ganz außer sich. Für 4000 Pfund hat er gerade schon wieder einen Hund erstanden – „ein Baby“, schwärmt er, ein vielversprechendes Talent, da ist Holloway sich ganz sicher.