Die andere Welt: Ultraorthodoxe Juden in London

London. Herschels Blick wandert erst in den Himmel über Stamford Hill, dann zu seinen Töchtern. Die Blaue Stunde hat begonnen, jene wenigen Momente zwischen Dämmerung und Sonnenuntergang. Es ist Zeit: 18 Minuten vor der Dunkelheit zünden die Mädchen die Sabbatkerzen an. Das war immer so und wird immer so sein, würde Herschel sagen. Und was ist die Pubertät eines Teenagers gegen das Gesetz der Tora? „Mushka, Mushka“, ruft er die letzte Tochter ungeduldig. Sein eindrucksvoller Bart wippt, die tiefe Stimme donnert durchs Treppenhaus. „Sie zieht sich immer noch um“, murmelt er schließlich. „Wie lange soll das eigentlich noch dauern?“

Herschel Glück ist Rabbi in Stamford Hill, der größten Gemeinschaft ultra-orthodoxer Juden in Europa. Die Gläubigen haben sich hier, im Herzen dieser schrillen, bunten Metropole eine sittsame und sorgfältig abgeschottete Parallelwelt geschaffen, wie sie auf der Welt kein zweites Mal zu finden sein wird. Mal als „Quadratmeile der Frömmigkeit“, mal als „das letzte existierende Ghetto“ bezeichnet, leben in dem kleinen Viertel in Nordlondon 25.000 chassidische Juden.

Der Lebenspuls der Enklave gehorcht Gesetzen, die Jahrhunderte alt sind: Es ist eine geschlossene Gesellschaft der Gelehrten und Schüler, in denen die Männer einen großen Teil ihres Lebens mit dem Studium der Tora verbringen, die Frauen sich um die Familien kümmern. Die meisten legen sich einen strengen Verhaltenskodex auf: Blickkontakt mit Fremden des anderen Geschlechts wird gemieden, Fernsehen ist tabu. Die Frauen fahren kein Auto und beschränken wie auch die Männer alle Wege in die Welt jenseits von Stamford Hill auf ein Minimum.

Über 50 Synagogen finden sich hier, abseits einer Hauptverkehrsstraße, die den Rest der Großstadt in zähen Staus Richtung Norden lotst. Wer nichts von Stamford Hill weiß, passiert die baum-gesäumten Straßen unbesehen, das Versorgungsnetz aus koscheren Bäckereien, Fischhandlungen und der Hetzola-Rettungswache samt jüdischen Notfallmedizinern.

Wer aber abbiegt, fühlt sich in ein Dorf versetzt, wie es auch im Mittelalter in Osteuropa ausgesehen haben könnte. Während nur wenige Minuten entfernt Jeans, Highheels und umgedrehte Baseballkappen die akzeptierte Uniform sind, tragen die Männer hier schwarze Mäntel, weiße Strümpfe und Seitenlocken; am Sabbat sogar riesige Pelzhüte, die „Streimels“. Nicht nur die einzigartige Garderobe hebt die Ultra-Orthodoxen von der ohnehin facettenreichen Menschen-Landschaft Londons ab: Anders als Hindus, Muslime, Glücksucher, Aufsteiger und internationale Arbeitsnomaden, die in die Metropole streben, sind sie eine eng gewebte Gemeinschaft von Flüchtlingen.

„Meine Mutter stammt aus dem Burgenland in Österreich“, erzählt Rabbi Glück, „jenem Gebiet, das Hitler 1938 als erstes ’judenrein’ gemacht hat.“ Mit zehn Jahren wurde sie einem Kindertransport zugeteilt – das letzte Mal, dass sie ihre Eltern lebend sah. „Meine Großeltern sind 1944 in einem polnischen Lager gestorben“, so Herschel. Seine Mutter kam nach London, heiratete später einen Mann, der bei der Befreiung von Bergen-Belsen geholfen hatte. So wie die Glücks kommen nahezu alle Familien in Stamford Hill aus dem Holocaust. Sie mögen ungarisch, polnisch oder deutsch sprechen – die existenzielle Erfahrung der Verfolgung ist es,  die Stamford Hill bis zum heutigen Tag zusammenhält. Und bisweilen Schatten wirft.

„Wir behandeln Kinder mit den Alpträumen 70-jähriger Männer“, sagen José Martin und Lillie Naor. Die Sozialarbeiterin und die Kunsttherapeutin engagieren sich bei Talking Matters, einer orthodox-jüdischen Beratungsstelle zur Stressprävention. In ihren Sitzungen kommen irrationale Ängste vor Hunden, das Horten von Essen oder Schlafstörungen an die Oberfläche. Nur: Ihre Patienten sind Kinder, keine Pogrom-Opfer. „Viele Überlebende von Stamford Hill versuchen, ihr Trauma unter der Decke zu halten, es zu verdrängen, aber alles, was sie damit erreichen, ist, dass es so lebendig wie eh und je bleibt“, sagen sie. „So vererben sie der dritten und vierten Generation ihre psychischen Schmerzen, Ängste und das Misstrauen gegen die Außenwelt.“

Für sie ist der rigide Lebensstil in Stamford Hill Teil des Problems: „Die Idee ist, dass man sich hier wie hinter einem Schutzschild zurückzieht vom Rest der Welt“, so Noar. „Doch die Isolation hat ihren Preis: Das Trauma wird noch weiter verdrängt.“ Chassidische Juden schicken ihre Kinder auf eine der 20 religiöse Schulen innerhalb des Viertels und enge Kontakte zu Nicht-Gläubigen sind rar. Nicht immer funktioniert diese selbstgebaute Membran. „Da hören die Älteren auf einmal, wie der Fensterputzer in ihrem Haus polnisch spricht“, sagt Noar, „und die Erinnerung ans Konzentrationslager ist sofort wieder da.“ Sie vergleicht das gern mit einem gefüllten Kühlschrank, der nach hundert Jahren zum ersten Mal geöffnet wird: „Die Druckwelle ist immens.“

„Der Prozess des Überlebens, Verstehens und Heilens braucht drei Generationen“, resümieren Martin und Noar. Sie wünschen sich, dass die Grenzen zwischen dem Viertel und dem Rest der Welt durchlässiger wären, die Jugendlichen vielleicht ein bisschen rebellischer, um dem strengen Lebenswandel die Schärfe zu nehmen und Raum zum Atmen zu schaffen. „Wir müssen uns gegenseitig erlauben, anders zu sein, von der selbst errichteten Norm abzuweichen“, so Noar.

Zwei Straßen weiter arbeitet Rabbi Avrahom Pinter hart daran, dass die Werte und Traditionen der Gemeinschaft eben nicht verwässern. Er ist Rektor der orthodoxen Yesodey-Hatorah-Mädchenschule, die im ganzen Königreich Schlagzeilen schreibt. Die Schülerinnen katapultieren sich nämlich regelmäßig mit ihren Noten, Testergebnissen und Verhaltensstandards an die Spitze britischer Leistungskontrollen. „Hoodies“, gewalttätige Gangs und Messerstechereien – all das wird man in Stamford Hill nicht finden.  „Letztens waren sogar Forscher aus Skandinavien hier und wollten wissen, warum das denn so ist“, lacht José Martin. „Ganz einfach, meine ich: Wir hier haben nämlich eine Identität, wissen, wer wir sind und wo unser Platz ist. Den können wir mögen oder hassen – aber er schenkt uns Zugehörigkeit.“ Die starken Bindungen mögen Außenstehenden als erstickend erscheinen – für die Gemeinschaft sind sie ein Immunsystem, das die Risikofaktoren der modernen Großstadt abblockt.

Die Mädchen der Yesoday-Hatorah-Schule sind anderen Klassen in England in einigen Fächern um fünf Längen voraus; in ausgewählten Spezialgebieten hingegen haben sie Defizite, auf die Pinter gar stolz ist: „Sie kennen Lady Di und wissen, dass sie Prinz Charles’ Ehefrau war. Die ganze Sache mit Diana, Charles und Camilla, die müssen sie allerdings nicht kennen.“ Die Mädchen schminken sich nicht, sie tragen wie überall im Viertel auch in der Schule gedeckte Farben und lange Röcke. Wenn sie heiraten, wird erwartet, dass sie ihre Haare – als Symbol der Schönheit – mit einer Perücke verdecken.

Trotz ihrer exzellenten Noten werden die Mädchen vermutlich nie Karriere machen. „Das ist nicht ihr Hauptziel“, sagt der Rabbi – und fragt bei einem Rundgang durch das makellose Schulgebäude Lehrerinnen und Kinder nach ihrem Lebenstraum. „Das Wichtigste ist es, eine gute Mutter zu sein“, sagen alle. Sechs Kinder hat jede Familie in Stamford Hill im Schnitt, manche sogar zehn und mehr. „Wenn die Frauen es schaffen, obendrein noch zu arbeiten, dann sollen sie das tun“, sagt Pinter. „Aber ein Kind allein ist eigentlich schon ein Vollzeitjob.“

Wer ein anderes, liberaleres Leben führen will, muss Stamford Hill verlassen. „Man kann aber nicht einfach seine chassidische Uniform ausziehen und anderswo von vorn beginnen“, sagt José Martin, die schon einige Befreiungsschläge miterlebt hat. „Die Jugendlichen, die gehen wollen, sind oft gar nicht für die Welt da draußen ausgerüstet – und kehren irgendwann zurück.“

Die Verlockungen der Stadt mögen groß sein, aber jene orthodox-jüdische Insel im Norden wird weder leerer noch kleiner. Zur hohen Geburtenrate kommen sogar Zuzüge von außerhalb, sodass Wohnraum schon seit langem knapp ist. „Gleichzeitig beobachten wir, dass jüngere Generationen noch religiöser werden“, so Martin. Auch Rabbi Pinter bestätigt das: „Unsere Ex-Schülerinnen schicken ihre Kinder häufig auf noch orthodoxere Schulen als unsere.“

Chaim Yehuda Frankel gehört zu denen, die es schaffen, in beiden Welten zu leben. Der Student ist gerade ins acht Meilen entfernte Golders Green gezogen. Hier sind die Grenzen etwas durchlässiger, die Grundprinzipien des orthodoxen Judentums bleiben jedoch unverhandelbar, der soziale Erwartungsdruck stets leise Hintergrundmusik. Chaim wohnt in einer Männer-WG, in der es zwar Laptops und Internet gibt, aber kein Fernsehen, keine Drogen und keine Mitbewohnerinnen. „Sex vor der Ehe oder mit einer Freundin zusammenziehen, das ist tabu“, sagen die Studenten einhellig. „Der Ruf als gläubiger Jude wäre zerstört.“ Für sie ist es bereits eine Gratwanderung, Jobs und Karrieren anzustreben statt ihr Leben ausschließlich dem Tora-Studium zu widmen.

„Das Wichtigste ist natürlich das Studieren der Tora“, sagt auch Joel Padowitz, „die Frage ist: Wo zieht man eine Linie?“ Padowitz wohnt ebenfalls bei Golders Green, ist Investmentbanker und Rabbi. Als Hauptaufgabe jedoch sieht er sein Engagement für Aish, eine Bewegung, die jüdische Jugendliche zurück in die Glaubensgemeinschaft holen will. Statt mit Regeln und sozialer Kontrolle wie in Stamford Hill lockt Padowitz mit Lebensqualität. „Das Judentum hat viel zu bieten“, sagt er, Glück, Halt und Lebenssinn zum Beispiel. Jeden Freitagabend öffnet er seine Familie, sein Haus wie eine Art lebendes Labor für zweifelnde Teenager.  Bei den Sabbatfeiern kommt vielen dann die Erleuchtung: „Manche sagen später, dass sie hier zum ersten Mal Erwachsene gesehen haben, die singen, ohne betrunken zu sein“, sagt die Frau des Rabbis.

Mushka, die mal in die Werbebranche gehen will und ihrem Vater ein Facebook-Profil eingerichtet hat, hat ihren Kapuzenpulli gegen ein schwarzes Oberteil und eine Kette getauscht. „Ich sehe furchtbar aus“, beschwert sie sich, als sie ins Wohnzimmer stürmt und sich endlich die Zündholzer schnappt. „Herrje“, seufzt Rabbi Glück und lächelt gutmütig. „Überall auf der Welt ist es das Gleiche mit den Mädchen: Image, Image, Image.“ Der Widerspruch kommt umgehend: „Mädchen sind nicht überall gleich. Es gibt Tussis, und es gibt Kampfzicken, Papa.“ Herschel rückt seinen Hut zurecht und kontert: „Oh ja, aber gerade denen ist Image doch besonders wichtig.“ Die Mädchen kichern, ums letzte Wort verlegen, dann steckt Mushka wie tausende andere Mädchen im Viertel um 18 Minuten vor Sonnenuntergang die Kerzen an. In Stamford Hill hat der Sabbat begonnen.