Buchhalter des Syrien Bürgerkriegs: Ein Besuch in Coventry

Coventry. Für Rami Abdulrahman kommt der Tod als Handyklingeln: Jedes Mal, wenn im Syrien-Konflikt ein Mensch stirbt, schrillt bei ihm in England das Telefon. 24 Stunden am Tag ist er als Chronist der Toten im Einsatz. Die Gefallenenlisten stellt er ins Netz – für alle transparent. Auf diese Art will der Exil-Syrer die Propaganda der Kriegsparteien aushebeln. Doch die Wahrheit hat ihren Preis: Längst zahlt der 41-Jährige mit einem Leben zwischen allen Fronten.

Es ist nicht leicht, zu Rami Abdulrahman vorzustoßen. Man muss seine Handy-Nummer kennen, einen Termin zwischen Gefechtspausen finden und sich dann von seinem Misstrauen dirigieren lassen: Den Treffpunkt fürs Interview will der Menschenrechtler erst in letzter Minute bekannt geben. Dann überlegt er es sich anders. Und schließlich erscheint nicht er selbst, sondern ein Mitarbeiter, der die Besucher abholt und zu ihm führt. Keine Frage: Der Syrer lebt im Krieg, und das mitten im beschaulichen Coventry.

„Ich habe nur sehr wenig geschlafen“, sagt er zur Begrüßung, „gestern ist um 16.30 Uhr eine Bombe in Aleppo hochgegangen, bis 2 Uhr Früh hat es gedauert, um Zahl und Namen der Opfer zu klären.“ Medien weltweit nutzen mittlerweile die Angaben des Syrischen Observatoriums für Menschenrechte. 2006 hat Abdulrahman die Organisation ins Leben gerufen; dass sie seit März 2011, als zunächst friedliche Proteste gegen das Regime eskalieren, zu einer Nachrichtenagentur der Toten umfunktioniert werden muss, hätte er nicht erwartet. Dabei ist Abdulrahman, schon von Berufswegen, eher Pessimist.

Mit 54 Informanten, die Menschenrechtsverletzungen in Syrien beobachten sollten, hat der 41-Jährige begonnen. „Heute sind es 230 Quellen“, sagt er. Sie sind dort, wo es knallt oder auch da, wo die Hoffnung stirbt: Als Soldat bei den Regierungstruppen, Sanitäter in Krankenhäusern, unter Rebellen und Abtrünnigen gleichermaßen. „Ich kenne jeden von ihnen persönlich“, erklärt er sein Prinzip, „ansonsten könnte ich der Qualität ihrer Informationen nicht vertrauen. In Syrien lügt ja jeder.“ Die Katastrophen-Depeschen neuer Mitarbeitern testet er erst einmal sechs Monate auf Akkuratheit. Dabei ist egal, ob sie Alewiten, Sunniten oder Kommunisten sind – so lange sie Vorfälle nur wahrheitsgemäß durchgeben. 20 Satellitentelefone kann sein Netzwerk vor Ort nutzen; mindestens 100, so Abdulrahman, wären nötig. Wenn sein Handy in Coventry klingelt, notiert er sich Namen und Zahlen der Toten, überprüft sie mit Rückrufen in umkämpfte Städte, sichtet Videomaterial von Augenzeugen. Erst dann gibt er die Daten an die Presse oder Amnesty International weiter.

In einem Medienkrieg, in dem sich kaum noch ausländische Journalisten oder UN-Beobachter in Syrien aufhalten, sind Zahlen und Bilder des Sterbens effiziente Waffen. Man kann sie manipulieren, mit ihnen auf der Weltbühne um Mitleid heischen, die eigenen und die anderen Verluste dramatisieren oder herunterspielen, je nach dem, wie es gerade in die Taktik passt. Doch Abdulrahman will neutral sein: Er zählt die Gefallenen beider Seiten – nicht als Schiedsrichter des Todes, wohl aber als sein pingeliger Buchhalter. „Ich bin pro-demokratisch und mag das Regime nicht“, sagt er, „aber wenn die Rebellen foltern und töten, finden sich auch diese Zahlen in meiner Liste.“ 18.802 Zivilisten, 7.904 Soldaten, 1.189 Fahnenflüchtige und fast 4.000 Rebellen sind seit Ausbruch des Konflikts nach seinen Angaben gestorben. Die Liste ist so lang, dass es Sekunden braucht, bis sein arg verschrammter Laptop die Daten geladen hat. Zeilen über Zeilen, seitenweise, flimmern über seinen Bildschirm.

Schon wieder klingelt sein Handy. „Erneut zehn Tote in Aleppo“, murmelt er. Während er das Telefon noch ans Ohr drückt, klingelt ein zweites auf dem Tisch. Eine britische Nachrichtenagentur braucht Opferzahlen; eine Online-Journalistin will mit ihm über die Kinder sprechen, die täglich bei dem Konflikt umkommen. Nebenan serviert der Kellner zwei englischen Damen noch einen Kaffee; draußen werden Knöllchen verteilt, Kinder laufen von der Schule nach Hause. Abdulrahman aktualisiert  die Todesliste im Laptop.

Abends wird er sie bei Facebook einstellen, so dass weltweit jeder Zugang hat zu seinem Material.  Trotzdem rufen ihn täglich noch Verzweifelte an: „Sie suchen verschollene Angehörige und wollen wissen, ob ihre Namen auf meiner Liste aufgetaucht sind. Ein Drama.“ Und der Krieg weitet sich aus: „Ein Flächenbrand vom Jemen bis zur Türkei wäre keine Überraschung“, sagt er düster. Auf ihn kommt noch mehr Arbeit zu, das ist sicher. Jammern will er nicht. Dabei fürchtet er längst auch um sein eigenes Leben. Sein Wohnhaus muss geschützt werden, sein Alltag dreht sich in der Endlosschleife eines miesen Thrillers: viel Adrenalin, kein Glamour, Ende offen. „Bestimmt geht mal irgendwann eine Bombe hoch, wenn ich mein Auto starte“, sagt er matt. Bei der Ausreise aus Ägypten hat der Grenzkontrolleur zuletzt seine Daten telefonisch weitergegeben. „An wen? Warum? Ich weiß es nicht, aber offenbar werde ich überwacht“, sagt der 41-Jährige.

Seine unparteiische Chronik der Gräueltaten gefällt eben nicht jedem: Morddrohungen hat er vom Regime wie auch von Rebellen erhalten. Wegen ihm, dem Leichenzähler in Coventry, können sie in Syrien nur noch schwer ihren Propaganda-Krieg der verdrehten Zahlen, übertriebenen Siege und manipulierten Niederlagen führen. Selbst arabischen Fernsehsendern wäre es lieber, er könnte das eine oder andere Massaker mal unter den Tisch fallen lassen, wenn es den Rebellen dient. „Aber ohne Wahrheit wird es in Syrien doch nie Demokratie geben“, argumentiert Rami Abdulrahman dann, „Mythen sind verheerend, deshalb soll klar sein, wer wann und wie gestorben ist.“

Vor zwölf Jahren ist er nach Großbritannien gekommen. Da hatte er in Syrien schon eine Haftstrafe für demokratisches Engagement abgesessen und fürchtete sich vor Schlimmerem. Seine Leute vor Ort riskieren tagtäglich ihr Leben, um ihm über Vorfälle zu berichten. Sechs von ihnen sind bereits getötet worden. Es gibt Intrigen von allen Seiten gegen ihn, Unterwanderungsversuche, fiese Anrufe. Warum er sein und ihr Glück derart herausfordert, versteht seine Familie am allerwenigsten. „Meine Brüder und Schwestern haben mich verstoßen“, sagt er, „sie fürchten Repressalien durch meine Arbeit oder sympathisieren mit dem Regime.“ Ramis Frau führt das Bekleidungsgeschäft im Ort weiter, während er pausenlos seine Tabelle füttert; die Tochter sieht er nur selten. Ihre kindliche Neugier ist das Einzige, das ihn, den abgebrühten Erschöpften, letztens doch noch einmal angerührt hat: Beim Frühstück fragte die Kleine ganz nebenbei, wie viele Tote es denn heute gebe. Und warum die Leute immer weiter sterben, obwohl ihr Vater doch so fleißig Listen führt. Eine ziemlich gute Frage.

Abdulrahman schweigt kurz. Dann sagt er das, was er immer sagt, wenn jemand an ihm, am Sinn der Sache, zweifelt: „Demokratie ist ein sehr langer Weg mit vielen Tiefschlägen.“ Als Siebenjähriger habe er zum ersten Mal bei einem Nachbarschaftsstreit im Hafenort Banias für gleiche Rechte von Alewiten und Sunniten gekämpft. Seit 34 Jahren geht er diesen Weg. Er kann nicht anders. Nach dem Warum fragt er nicht mehr. Dass sein eigener Name irgendwann auf der Liste syrischer Leichen stehen könnte, schreckt den Buchhalter des Todes nicht: „Jemand wird mich ersetzen. Diese Arbeit geht weiter.“ Sein Kaffee ist mittlerweile kalt geworden; das sandfarbene Sakko knittrig. Der Kellner bleibt kurz am Fenster des Cafés stehen, blinzelt in die warme Herbstsonne von Coventry, dann bindet er sich eine Schürze um und räumt die Tassen weg. Abdulrahman telefoniert.

Ein Kommentar

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